DIESE BÜCHER VERLÄNGERN DEN SOMMER - 13. September 2020

Auch wenn momentan die Tage noch warm und schön sind, hat sich der Herbst längst eingeschlichen. Es wird schon wieder erschreckend früh dunkel, findet Ihr nicht? Von mir aus könnte der Sommer noch viel länger, ja eigentlich ewig dauern. Und deshalb lese ich jetzt Bücher, die mich stimmungsmässig in den Juli oder August zurückversetzen. Dank ihnen spüre ich wieder, wie nach einem Bad im Meer das Salz auf der Haut trocknet oder fühle wie die unerträgliche Hitze in der Riesenstadt die Kleidung im Nu mit Schweiss durchtränkt. Coronabedingt steht uns die Welt leider nicht offen, was für mich als Reisejournalistin und Cosmopolitin besonders schlimm ist. Aber auch darüber helfen mir Bücher hinweg, denn sie beamen mich förmlich nach Südfrankreich, in die Strassen von New York oder nach Sizilien. Falls Ihr Euch auch nach anderen Ort sehnt und noch ein wenig den Sommer verlängern möchtet, empfehle ich Euch diese drei Bücher:

Wärmende Sonnenstrahlen in St. Tropez

Eine junge Frau bricht in einem kalten Frühjahr Anfang der 1930er Jahre zusammen mit ihrem älteren Liebhaber auf nach Südfrankreich. Sie wollen der Kälte, aber auch der politischen Situation in Deutschland entfliehen. Es zeichnet sich ab, dass die Nazis bald die Macht ergreifen. Während sie sich Zweisamkeit in einem gemieteten Häuschen erträumt, zieht es ihn, den Lebemann, in die Spielcasinos und zu Treffen mit Freunden aus der High Society.  Es kommt zum Bruch, sie landet zufällig in St. Tropez und richtet sich dort ein …

In der wunderbaren und wortgewaltigen, leider nur 116 Seiten kurzen Erzählung fühlt man sich an diesen magischen Ort versetzt, der schon immer Künstler, Sonderlinge und Glücksritter anzog. Als LeserIn sieht man die Zitronenbäumchen vor sich, spürt den klebrigen Saft überreifer Feigen an den Fingern und die wärmende Sommersonne auf der Haut. Meine Lieblingssätze aus dem Buch verrate ich gleich hier. «Das Leben ist grossartig, sobald man damit einverstanden ist. Alles andere ist falsch.»

Die Erzählung ist einigermassen autobiografisch. Helen Wolff, die zusammen mit ihrem Ehemann Kurt Wolff 1941 in die USA emigierte und eine der bedeutendsten Verlegerinnen des 20. Jahrhunderts wurde, verarbeitete in dieser Erzählung mehrere frühe Frankreichreisen mit ihm. Ebenso lesenswert ist das Nachwort ihrer Grossnichte Marion Detjen.
«Hintergrund für Liebe» von Helen Wolff, Weidle, 31, 90 Franken (eBook 15.90 Franken), 20 Euro (eBook 13,99 Euro)

Sizilianischer Tintenfisch frisch aus dem Meer

Andrea Camilleris Kriminalromane um den kauzigen Commissario Montalbano sind längst Kult. In jeder Geschichte – «Eine Stimme in der Nacht» (dieses Jahr in der Taschenbuchausgabe erschienen) ist bereits der 20. Band – kämpft der Genussmensch und Ewig-Verlobte gegen das Böse im allgemeinen und gegen die Mafia im Besonderen. Camilleri, der leider letztes Jahr gestorben ist, schildert ein ebenso hinreissendes wie problembehaftetes Sizilien.

Ich war bisher nur einmal dort, aber wenn ich die Romane lese, fühle ich mich auf diese facettenreiche Insel versetzt. Setze mich in Gedanken mit Dottore Montalbano an den Tisch auf der Veranda und geniesse den Duft der Involtini di pesce spada, während das nahe Meer rauscht. Oder sehe den grossen Tintenfisch im Topf vor mir, den seine Haushälterin für einen sommerlichen Pranzo vorbereitet. Gutes Essen und Trinken lassen Montalbano in den Pausen zwischen Verhören und Tatortbegehungen wieder aufleben. Dieses Mal hat es der in die Jahre gekommene Grantler mit einer Selbsttötung und zwei Morden zu tun und seine Fans werden nicht enttäuscht.
«Eine Stimme in der Nacht» von Andrea Camilleri, Bastei Lübbe, 16,90 Franken (E-Book 12,90 Franken), 11 Euro (eBook 8,99 Euro)

 

Flirrender Asphalt in New York

Wer einmal im Hochsommer im New York war, weiss, dass sich die Riesenstadt an vielen Orten in etwa so anfühlt, wie man sich den vermeintlichen Vorhof zur Hülle vorstellt: Glühend heisse U-Bahnstationen, in denen die Hitze unerträglich scheint. Nicht nur das Make-up zerrinnt bei Temperaturen von über 35 Grad, auch das Denken fällt zunehmend schwer.

In einem sehr warmen Juli 1965 verändert sich das Leben von Ruth Williams in einem Moment für immer. Die Kinder der alleinerziehenden Mutter und Bardame aus Queens, die von Männern wie die sprichwörtlichen Motten umschwärmt wird, sind eines Morgens verschwunden und werden wenig später tot aufgefunden. War es die leichtlebige Ruth? Ein leitender Ermittler, der Erfolge braucht und ein junger Reporter auf der Suche nach der Story, die ihm den Durchbruch verschafft, kreisen um die anziehende Frau. Und die Sonne sticht unerträglich weiter. Vorsicht: Wer mit dem Buch anfängt, kann es nicht mehr aus der Hand legen.
«In der Hitze eines Sommers» von Emma Flint, Piper, 24,90 Franken (eBook 14 Franken), 16,99 Euro (eBook 12,99 Euro)

Alle Coverfotos: zvg